"Ich habe nie geglaubt, dass Kunst stillstehen sollte. Sie sollte atmen, wachsen, sich verändern – so wie das Leben selbst."

Hermann J Kassel

HERMANN J KASSEL – KUNST IN BEWEGUNG

Als ich 1960 in Oberhausen geboren wurde, wusste ich natürlich noch nicht, dass mich dieser Gedanke nie loslassen würde. Doch je mehr ich formte, je mehr ich Materialien zum Leben erweckte, desto klarer wurde mir: Kunst ist vielleicht auch das was bleibt, Kunst ist aber insbesondere das, was geschieht, was entsteht, was sich entwickelt. Kunst fragt, Kunst lebt.

Mein Weg führte mich von der Folkwangschule in Essen an die Kunstakademie Düsseldorf, zur Stahlbildhauerei und Objektkunst. Ich lernte, Stahl zu bändigen oder mit Luft zu formen. Was mich seitdem fasziniert ist das Spiel mit Kräften, auch denen, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen.

Zentrale Themen in meiner künstlerischen Arbeit, den Skulpturen, Objekten und Installationen sind Bewegung, Veränderungs- und Transformationsprozesse sowie die Erforschung der Grenzen oder der Trennschicht, also dem, was das Dazwischen ist und seiner Diffusion.

ATMENDE, KLINGENDE SKULPTUREN UND LEBENDIGE FORMEN

Meine Pneumate atmen. Sie blähen sich auf, ziehen sich zusammen – eine pulsierende Erinnerung daran, dass nichts in dieser Welt statisch ist. Wenn Betrachter die Stahlblasebälge aktivieren, erschaffen sie selbst das Werk. Sie sind keine bloßen Zuschauer, sondern Teil der Kunst. Auch meine Polymobile täuschen Ruhe nur vor. Eine Berührung reicht, und sie beginnen zu schwingen, zu klingen, zu leben. In meinen Erd-Arbeiten habe ich die Natur selbst zur Künstlerin gemacht – Waldboden, eingeschlossen in Glas und Stahl, verändert sich langsam, stetig, unaufhaltsam. Es geht um das Prinzip des Wandels, der Veränderung als die Konstante, in Teilen meiner Kunst wie im Leben allgemein.

ARCHITEKTUR AUS BÄUMEN, KUNST ALS KLANG

Anfang der 90er Jahre begann ich, mit Bäumen zu arbeiten. Ich schnitt sie nicht einfach ab – ich ließ ihre Wurzeln in der Erde, während aus ihnen der erste Baum-Dom entstand. Moniereisen ragen wie Strahlen aus dem Stamm, sie schwingen mit dem Wind, erzeugen Töne – eine Melodie, die nicht ich komponiere, sondern die Natur selbst. Von hier aus war es nicht weit zu den „verstahlten Bäumen“ und den Baum-Arbeiten.

PARTIZIPATIVE KUNSTINTERVENTIONEN

Kunst ist für mich mehr als das, was wir sehen. Sie ist das, was wir spüren, verändern, erleben. Deshalb bringe ich sie seit auch in Unternehmen, mit meinem Konzept take part in art© – weil Kreativität nicht nur auf Leinwänden oder in Galerien existiert, sondern überall, wo Menschen den Mut haben, anders zu denken.

Ich schaffe keine unbeweglichen Monumente. Ich schaffe Erlebnisse, die mit jedem Moment neu entstehen mit Ergebnissen, die dauerhaft in den Unternehmen oder Institutionen wirken.

KUNST ALS AUFTRAG

Und dann gibt es Anfragen, Arbeiten zu einem Thema zu entwickeln; es heißt auch gerne „Auftragskunst“. Ich habe eben genau diese Anfragen lieben gelernt. Haben doch genau diese Anfragen mich zur Auseinandersetzung mit Themen und damit zu Werken geführt, die ohne diese Anfragen nie entstanden wären. So beispielsweise Ende der 1990er Jahre die Anfrage, ob ich ein Kreuz für eine Kirche in Bonn entwerfen wolle. Lange habe ich mit dieser Anfrage gerungen. Als ich mich schließlich dafür entschieden hatte, war die Idee für das Aeternus-Kreuz so schnell da, als hätte diese schon sehr viel länger in mir gearbeitet und gewartet.

Denn wahre Kunst passiert nicht auf Sockeln – sie passiert im Dazwischen, im Wandel, in uns.